Deutsche Bank hält Derivate im Wert von fast 54 Billionen Euro

Das Offensichtliche bewusst ignorieren: Deutsche Bank hält Derivate im Wert von fast 54 Billionen Euro – das ist das 20-Fache des deutschen BIP

Tyler Durden 03.05.2014

Es ist wahrscheinlich eine gewaltige Ironie, dass, als wir das letzte Mal vor genau einem Jahr die Finanzsituation der Deutschen Bank genauer analysierten, die größte Bank Europas (nach Einschätzung einiger sogar die größte Bank der Welt) ihre Anleger mit einer Kapitalverwässerung (einer Kapitalerhöhung ohne Bezugsrechte) von zehn Prozentüberraschte. Warum wurde das Grundkapital erhöht, wo doch alles in Butter war, wie die Europäische Zentralbank (EZB) versprochen hatte?

 

Wie sich herausstellte, war nichts in Ordnung, und die Deutsche Bank sah sich im kommenden Jahr gezwungen, einen massiven Abbau der Fremdverschuldung durchzuziehen, indem man in aller Stille alle hässlichen Negative aus den Bilanzen entfernte, die sich dort aufgrund der unablässigen von der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) und der japanischen Notenbank hervorgerufenen kurzfristigen Kurssteigerungen eingenistet hatten (die auf das »Dash-for-Trash«-Prinzip zurückgingen, bei dem hochrisikoreiche Wertpapiere niedriger Qualität zu einem Preis gekauft werden, welches das mit ihnen verbundene Risiko nicht widerspiegelt). Dabei wollte man tunlichst alles Aufsehen vermeiden, das die Anleger auf die anderen »Leichen im Keller« aufmerksam gemacht hätte.

Wir erinnern an diese Situation, weil die Deutsche Bank jetzt genau das Gleiche noch einmal versucht, als sie am 28.4.2014ankündigte, sie werde ihr Kernkapital um weitere 1,5 Milliarden Euro aufstocken:

»Die Emission stellt den dritten Schritt in einer ganzen Reihe koordinierter Maßnahmen zur Stärkung der Kapitalstruktur der Bank dar, die am 29. April 2013 angekündigt worden waren. Vorausgegangen waren bereits die Erhöhung des Eigenkapitals um drei Mrd. EUR im April 2013 sowie die Emission von gemäß denCRD 4-Vorschriften [Eigenkapitalrichtlinie] anrechenbaren Tier-2-Instrumenten in Höhe von 1,5 Mrd. USD im Mai 2013. Die heute bekannt gegebene Transaktion bildet die
erste Tranche der geplanten Platzierung von CRD 4-konformem zusätzlichem Kernkapital (AT1) im Volumen von insgesamt rund fünf Mrd. EUR, die bis Ende 2015 vorgesehen ist.«

In der Rückschau war also nicht alles rosig in Frankfurt, und trotz der ständigen Lügen über die Verbesserung der Lage bei notleidenden Krediten, des Cashflows, der Lage der Banken –insbesondere derer, die im Fall der Fälle nicht einmal die EZB retten kann – geht es der Deutschen Bank genauso schlecht wie vor einem Jahr.

Genauso wie im vergangenen Jahr, als wir die Finanzsituation der Bank genauer untersuchten, um zu verstehen, warum die Deutsche Bank ihre Aktionäre mit der Kapitalverwässerung verschreckte und ein paar armselige Milliarden in bar einsammelte, hatten wir auch in diesem Jahr das Vergnügen, uns intensiv mit dem Jahresbericht der Deutschen Bank beschäftigen zu können.

Was wir herausfanden, wird zwar diejenigen kaum überraschen, die unseren Artikel von vor einem Jahr mit der Überschrift »72,8 Billionen Dollar: Die Bank mit den größten Derivat-Verpflichtungen der Welt (kleiner Tipp: Es handelt sich nicht um JPMorgan)« gelesen haben, ist aber trotzdem erschreckend.

Denn während die an Vermögenswerten und sicherlich auch am Ego ihres Vorstandschefs gemessen größte amerikanische Bank – dabei handelt es sich natürlich um JPMorgan – sage und schreibe Derivate mit einem Nominalwert von 70,4 Billionen Dollar hält (und zwar querbeet Terminkontrakte, Swaps, Kreditausfallswaps, Devisengeschäfte usw.), überbot die Deutsche Bank diesen Wert auch in diesem Jahr.

Die fragliche Zahl lautet: 54 652 083 000 000 Euro, was umgerechnet beim gegenwärtigen Wechselkurs einen Wert von 75 718 274 913 180 Dollar ausmacht, der damit die Gesamtderivatverpflichtungen von JPMorgan um mehr als fünf Billionen Dollar übersteigt.

Wie wir schon im vergangenen Jahr erklärten, gibt es aber auch eine gute Nachricht für die Buchhaltungsabteilung der Deutschen Bank und ihre Aktionäre und natürlich für die deutschen Spinmaster: Rechnet man die unterschiedlichen Forderungen gegeneinander auf, so stehen sich im Falle der Deutschen Bank ein ausstehender positiver Marktwert von 504,6 Mrd. Euro (Forderungen, Vermögen) und ein ausstehender negativer Marktwert (Verpflichtungen) von 483,4 Mrd. Euro gegenüber. Beide Werte machen die jeweils größten einzelnen Vermögens- und Schuldposten in der 1,6 Billionen Euro umfassenden Bilanz des Unternehmens aus und sinken sogar im Weiteren nur noch auf eine »akzeptable Restsumme« von 21,2 Mrd. Euro an Derivat-»Vermögenswerten«.

Die Bilanzsumme hat sich übrigens gegenüber dem Vorjahr um 400 Mrd. Euro verringert: ein 20-prozentiger Abbau der Fremdverschuldung, die nach Angaben der Deutschen Bank »vor allem auf Zinsderivate und Veränderungen der Ertragskurven bei US-Dollar, Euro und Pfund Sterling im Jahresverlauf, Veränderungen der Wechselkurse sowie die Neustrukturierung des Handels zur Verringerung marktnaher Bewertungen, der Verbesserung der gegenseitigen Verrechnungen von Leistungspflichten sowie beim Clearing hervorgerufen wurde«.

Und wie wir bereits im vergangenen Jahr und eigentlich bei jeder Gelegenheit darlegten, bei der wir das Missvergnügen hatten, die Wahrheit über Brutto vs. Netto erklären zu müssen, funktionieren diese Buchhaltungs-Zauberkunststücke vielleicht in der Theorie, aber nicht in der Praxis. Und zum zweiten gibt es eine Diskontinuität in der Kette der Absicherungen, wie wir bereits wiederholt in der Vergangenheit gezeigt haben (und dies gilt sicherlich im Besonderen, wenn Schattenfinanzierungskanäle einfrieren). Die Zahl von 21,2 Milliarden Euro wird dann sehr schnell keine wirkliche Bedeutung mehr haben, aber die gegeneinander aufgerechneten Derivatverpflichtungen werden noch schneller ihren Bruttowert erreichen, der noch über 75 Billionen Dollar liegt.

Die Schlüsse, die man aus diesem Artikel ziehen kann, haben sich gegenüber dem letzten Jahr praktisch nicht geändert: Diese gigantischen Derivatverpflichtungen sind der Hauptgrund dafür, dass Deutschland, das sich in den vergangenen fünf Jahren theatralisch auf dem Boden wälzte und um sich trat, alles in seiner Macht Stehende getan hat (Deutschland gab sogar der EZB nach), um sicherzustellen, dass es nicht zu einem dominoähnlichen Zusammenbruch der europäischen Banken kommt, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit genau die Art von Zusammenbruch aller Absicherungen und aller Netto-zu-brutto-Umwandlungen auslösen würde, der Anshu Jain und alle andere Bankenchefs jede Nach schweißnass aus ihrem Schlaf aufschrecken lässt.

Unten finden Sie – nur um die Perspektive zurechtzurücken – eine Grafik, die die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Deutschland und Europa mit den Gesamtderivatverpflichtungen der Deutschen Bank vergleicht. Dies sollte ein für alle Mal deutlich machen, wer in Europa wirklich in Bezug auf das »Gleichgewicht des Schreckens«, die Doktrin der »gegenseitig gesicherten Zerstörung«, den Finger am Abzug hat.

Aber natürlich gibt es wie immer keinen realen Grund zur Sorge: Diesen fast 55 Billionen Euro an Derivatverpflichtungen stehen im allerschlimmsten Fall immerhin die mehr als ausgleichenden 522Milliarden Euro an Einlagen, also nur der 100. Teil, gegenüber.

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/wirtschaft-und-finanzen/tyler-durden/das-offensichtliche-bewusst-ignorieren-deutsche-bank-haelt-derivate-im-wert-von-fast-54-billionen-e.html

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