TOTAL normal

TOTAL normal: Elf Fragen, die man sich dazu stellen sollte

Wolfgang Eggert 25.10.2014

Der Chef des französischen Energiekonzerns TOTAL, Christophe de Margerie, ist bei einem Flugzeugcrash in Moskau ums Leben gekommen. Sein Privatjet prallte dem Vernehmen nach mit einem Schneepflug zusammen. Der 63-Jährige hatte an einer Regierungskonferenz in der Nähe von Moskau teilgenommen, auf der es um ausländische Investitionen ging. 

Dabei sprach der Tycoon auch mit dem russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew in dessen Residenz. Innerhalb der westlichen Großindustrie gilt Margerie als »Putinversteher« par excellence.

Er umging die transatlantische Sanktionspolitik gegenüber dem Kreml offensiv, verwahrte sich gegen amerikanische Bevormundungen und griff in einem seiner letzten Interviews die Vormacht der US-Währung (»Petrodollar«) frontal an, indem er dafür votierte, Ölgeschäfte fortan in Euro abzuwickeln. Während des hochkarätigen Treffens dürfte auch die Übertragung von Förderrechten entlang der russischen Arktis von Exxon auf TOTAL thematisiert worden sein.

Elf Fragen, die man sich stellen sollte

Das zufällige Zusammenfallen eines hoch umstrittenen Gipfeltreffens mit einem tragischen Malheur ließ in einschlägigen Internetforen verschwurbelte Zweifel am Unfallhergang heranreifen. Wie so oft offenbaren die dabei von Verschwörungstheoretikern aufgeworfenen Fragen einen erschreckenden Mangel an örtlicher, kultureller und vor allem technischer Sachkenntnis.

Die elf schlimmsten Aussetzer sollen an dieser Stelle richtiggestellt werden:

1. Es besteht keinerlei Grund zur Kritik an der behördlichen Öffentlichkeitsarbeit, nur weil die Hergangsschilderungen des Absturzes vermeintlich widersprüchlich anmuten. Sicher, am Anfang hieß es, die Maschine habe den »Kontakt« mit dem »Pflug« passabel überstanden, erst Minuten danach hätte das Cockpit einen Triebwerkbrand gemeldet, um dann zum Flughafen zurückzukehren. Wohingegen später verlautbart wurde, der Jet sei noch am Boden infolge des Zusammenpralls verunglückt. Daraus ein Glaubwürdigkeitsproblem abzuleiten ist jedoch verbissen. Sind wir stattdessen dankbar, dass Vielfalt, spielerische Wandlungsfähigkeit und Wahlfreiheit auch in der bierernsten Kriminologie Platz finden. Nur Fanatiker suchen DIE Wahrheit.

2. Es ist für Moskauer Verhältnisse alles andere als ungewöhnlich, dass ein Flugzeug nach der Startkollision mit einem Schneepflug mit intaktem Bugrad und auf dem Rücken liegend aufgefunden wird. Zwar reißt es Bugräder beim Überfahren nicht sachgemäß abgestellten Geräts tatsächlich als Erstes weg, im postsowjetischen Luftraum jedoch haben Sponsoringverträge mit der Erotikindustrie dazu geführt, dass Jets häufig in der passiven Missionarsstellung abheben. Schäden entstehen hier somit an der Kanzel, nicht am Bauch der Maschine.

3. Es ist normal, dass der Schneepflugfahrer erst amtlich für tot, dann verschwunden, dann verletzt und am Ende als völlig unbeschadet gemeldet werden kann. Beweglichkeit, Nehmerqualität und Regenerationsfähigkeit von Russen dürften jedem halbgebildeten Fernsehkonsumenten schon aus dem Boxsport geläufig sein.

4. Es sollte nicht verwundern, dass der Räumfahrer bereits Minuten nach dem Unfall, wiederum amtlich, für alkoholisiert erklärt werden konnte. Russische Rettungskräfte nehmen bei politisch brisanten Unfällen grundsätzlich zuerst bei Verdächtigen Blutproben, auch wenn diese gar nicht mehr am Unfallort sind. Sollten sie wie im vorliegenden Fall anschließend wieder auftauchen und versichern, aufgrund ärztlicher Attestierungen dauertrocken zu sein, werden Moskowiter Behörden nach westlichem Prozedere zuerst den Ausnüchterungsgrad des behandelnden Mediziners prüfen.

5. Es ist nachvollziehbar, dass die Behörden kein Bild des Crash-Schneepflugs veröffentlichen können. Schneepflüge fallen aus Tonnage- und Hubraumgründen in die Kategorie »militärisches Gerät« und somit unter einschlägige Geheimhaltungsbestimmungen der Armee.

6. Laut Verschwörungstheoretikern belegt ein Foto des Absturzjets, daß russische Behörden und internationale Journalisten unbesehen der Tatsachen Lügen über die Witterungsverhältnisse (»Schnee«, »Nebel«) verbreiteten. Auch diese Behauptung ist wahrheitswidrig. Tatsächlich stellt das Bild die Schaffenskraft geschulter Moskauer WeatherControl (WC)-Fachkräfte unter Beweis: Das gerade noch tobende»Schneegestöber« konnte von den WC-Spezialisten binnen Sekunden »abgestellt«, der Nebel zugunsten anfallender Bergungsarbeiten durch eine russische Version des Saugblasers Heinzelmann in Nichts aufgelöst werden. Die ruhige Haltung der Helfer unterstreicht hohe Maß an örtlicher Professionalität.

7. Es ist im gegebenen Fall vernachlässigenswert, dass Aufnahmen am Unglücksort den Boden so grün wie einen beheizten Fußballplatz zeigen. Selbst mediterrane »Pisten«-Verhältnisse können die für ihre Arbeitswut weltweit gepriesenen Russen nicht bremsen: Sie schaufeln auch ohne Schnee die weiße Pracht vom Acker − und wenn´s sein muss nachts um zwölf.

8. Es ist in diesem Zusammenhang außerdem hilfreich, die katastrophalen Sichtverhältnisse am Tag des Crashs ins Auge zu fassen. 350 Meter meldeten die Qualitätsmedien. Vergleichsfotos, die sogenannte »Trutherkreise« im Internet posten, sollen diese Angaben ins Lächerliche ziehen. In der Tat liegt ein Missverständnis der größeren Redaktionen vor: Da der Meter seit 1. April diesen Jahres in Russland zugunsten der Messung in »Fuß« abgeschafft wurde, muss eine Sichtweite von 100 Metern angenommen werden.

9. Es gibt einen weiteren, einleuchtenden Grund, warum die Towerbesatzung die heranrollende Gefahr auf ihrer Rollbahn (in Wnukowo gibt es zwei davon) aus dem Blick verlieren musste. Auf russischen Airports, gerade aber auf den Start- und Landeabschnitten, herrscht ab 22:00 Uhr strengstes Verdunkelungsgebot. Diese noch aus der Zeit des Kalten Krieges stammende Vorschrift schließt verkehrstechnisch bedingte Lichtflutung mit ein. Sowohl Flugzeuge als auch Räumfahrzeuge haben ihre Scheinwerfer bei Inbetriebnahme zu löschen. Ist das infolge eines technischen Defekts nicht möglich, sind Fahrer und Piloten gehalten, vorher verabreichte Augenbinden anzulegen.

10. Es wäre falsch aus dieser Sicherheitsbestimmung zu folgern, Starterlaubnisse würden im Reich Putins schlicht nach Gutsherrenart vergeben. Um bloßen »Verdachts-« oder »Bauchgefühlsanweisungen« entgegenzutreten, steht den Insassen des Towers auch hier hochmodernes Radar-Equipment zur Verfügung, welches selbst in tiefster Finsternis das Herannahen eines Rehs an die Flugstrecke melden würde. Schneepflüge sind keine Rehe und werden daher nicht angezeigt.

11. Es ist Tatsache, dass die Bodenkontrolle in Russland wie auch im Westen ständige Funkverbindung zu allen Fahrzeugen nahe der Landebahn hält. Jedes Individuum muss um Erlaubnis fragen, wenn es eine Flugstrecke betreten oder überqueren will, der Tower hat das Ansinnen kritisch zu prüfen. Die Forderung der USA nach Liberalisierung des sowjetischen Kommandoapparats führte dazu, dass Boris Jeltzin diese strenge Richtlinie auf dem Regierungsflughafen Wnukowo abmilderte. Ganz aufgehoben wurde sie für bevorzugte Gäste des russischen Premiers und/oder Präsidenten, die bereits am Airport die neue russische Lockerheit schätzen lernen sollen. »Alles darf, nichts muss«, so das erfrischende Motto, das demnächst auch auf den Schifffahrts- und Straßenverkehr ausgeweitet werden soll.

Bekenntnisse eines Economic Hit Man

Es hat nichts mit dem tragischen Ableben des TOTAL-Chefs zu tun, wenn der ehemalige Chefökonom der NSA-Strategiefirma Chas. T. Main, John Perkins (Autor des Buches Bekenntnisse eines Economic Hit Man), behauptet, dass es in den USA einen Finanzwirtschaftlichen Geheimdienstapparat gebe, der Konkurrenten und Linienabweichler gewaltsam aus dem Weg räume.

Perkins beleuchtet u.a. die Schicksale der lateinamerikanischen Präsidenten Jaime Roldós und Omar Torrijos, die amerikanische Ölinteressen bedrohten bzw. am US-Markt vorbei Investorengeschäfte betrieben. Sie starben bei Anschlägen gegen ihre Flugzeuge. Anders als Margerie trugen jedoch beide nachweislich keinen Bart, waren schlank und der französischen Sprache nicht mächtig − was leichtfertige Verschwörungstheoretiker wie den ehemaligen SPD-Hinterbänkler Andreas von Bülow (»Das Pentagon mordet für den Petrodollar«) natürlich nicht bekümmert.

Fazit

Hüten wir uns daher vor der kruden Idee, die CIA könne hier im Verbund mit russenmafiösen Kreisen oder Oligarchen gezündelt haben, um einen finanzpolitisch bedenklichen Marktkonkurrenten kaltzustellen! Der Nachrichtendienst eines amtierenden Friedensnobelpreisträgers würde sich niemals für derartige Komplizenschaften hergeben. Außerdem sind russische Verantwortungsträger bekanntermaßen nicht käuflich − weder in den Medien, noch an Flughäfen und schon gar nicht in Regierungsämtern.

Dass Margeries Gastgeber Dmitri Medwedew (hier ein zufälliger Schnappschuss mit einem unbekannten Autogrammjäger im Kaufhaus GUM) den Kremlfreund und Wall-Street-Gegner Gaddafi ans Messer lieferte, indem er im UN-Sicherheitsrat die NATO-Befreiung der libyschen Ölquellen durchwinkte, entbehrt jeder Grundlage. Gaddafi wurde erschossen, nicht erstochen.

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