RTL-Reporter spielt den Rassisten

Tarn-Journalist bei PEGIDA-Demo: Erst flog er auf, jetzt feuert ihn RTL als Bauernopfer

Peter Harth 23.12.2014

Krawallsender RTL unterwandert Undercover eine PEGIDA-Demonstration. Ein getarnter Reporter soll dort die Stimmung anheizen, damit die Journalisten endlich zeigen können, was alle sehen wollen: rassistische Wutbürger. Dummerweise war der RTL-Reporter vorher bei der ARD angestellt. Seine alten Kollegen interviewen ihn, er spielt den Rassisten, die Zuschauer sehen alles. Jetzt wird der Mann zum Bauernopfer, obwohl er im Auftrag von RTLhandelte. Analyse eines Medienskandals. 

RTL wäscht seine Hände in Unschuld. Nein, das hat doch natürlich niemand gewollt. Es war die unverantwortliche Einzeltat des Felix Reichstein, der als Reporter Schande brachte. Über seinen Arbeitgeber RTL Landesstudio Ost und über die Kollegen der ARD vom Magazin Panorama. Dort hatte man sich so gefreut, endlich einen Wut-Rassisten gefunden zu haben, der vor der Kamera sagte, was die Journalisten hören wollen.

Aber es war ja nur Undercover-Reporter Reichstein, der frech seine rassistische Rolle durchzog. Pfui! Und deshalb ist Herr Reichstein seit gestern auch Ex-Reporter. Er wurde aber mehr als nur gefeuert.

Journalisten schaden ihrem Berufsstand permanent selbst und hoffen, dass es niemand merkt

Sein Chef vom RTL-Landesstudio Ost, Thomas Präkelt, fiel über Reichstein öffentlich her und richtete ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Worten hin: »Unser Mitarbeiter hat einen Fehler begangen, der nicht zu entschuldigen ist. Er sollte auf keinen Fall provozieren oder zur Hetze animieren, schon gar nicht anderen Journalisten eine Rolle vorspielen.« Er habe seinem Berufsstand mit seinem Auftreten »schwer geschadet«.

Hier beginnt aber die Unaufrichtigkeit. Journalisten schaden ihrem Berufsstand permanent selbst und hoffen, dass es niemand merkt. Weder schickte Präkelt den Reporter am 15. Dezember ohne Auftrag zur PEGIDA-Demonstration, noch waren die Journalisten-Kollegen von Panorama einfach so da. Beide hatten eine klare Mission, die sie erfüllen mussten: Rassisten finden. Und für RTL ist es in Ordnung, dass PEGIDA-Demonstranten durch einen Undercover-Reporter aufgestachelt werden können.

Journalismus: Der Fehler im System

In Redaktionssitzungen werden vorher Themen vergeben, Journalisten machen dabei möglichst große Versprechen, um dem Chefredakteur zu gefallen. Der gibt auch die politische Linie vor, nimmt Themen an oder lehnt sie ab, schreibt sie aber auch oft vor. In diesem Wolfsrudel, bei dem jeder um einen Brocken Fleisch (ein Thema) kämpft, wird bereits vorher konstruiert, was später in der Sendung läuft. Jetzt beginnt eine große Herausforderung für die Journalisten: Die Realität in Einklang mit den Wünschen des Chefredakteurs zu bringen. Sie müssen O-Töne und Bilder liefern, die passen. Die Welt wird passend zum Thema gemacht. Wo keine Rassisten sind, müssen welche her.

Im Fall von Felix Reichstein ist es sehr wahrscheinlich, dass sein RTL-Chef Thomas Präkelt wusste, mit welchem Auftrag sich sein Mann unter die Masse der Demonstranten mischte. Warum? Ganz klar: Andere RTL-Journalisten mussten Reichstein doch begleiten, weil er als Strohmann schlecht selber filmen konnte. Es wäre für den Boulevard-Sender RTL sinnlos, eine PEGIDA-Demonstration anzuheizen, damit dort gegen Ausländer gehetzt wird, wenn andere RTL-Reporter dann nichts davon aufnehmen.

Reichstein muss im Auftrag gehandelt haben

Dummerweise geriet Reichstein bei seinem schmutzigen Job ins Visier der Journalisten von Panorama. Hier wird es interessant. Reichstein hat zwar 300 Beiträge für RTLgeliefert, arbeitete aber bis vor zweieinhalb Jahren beim NDR, der das MedienmagazinPanorama für die ARD produziert. Vielleicht wollte Reichstein seinen alten Kollegen vom NDReinen Gefallen tun und spielte den Rassisten vor der Kamera. Vielleicht haben ihn seine Kollegen beim NDR auch bereits da erkannt. Diesen Vorwurf weist der NDR natürlich jetzt von sich.

Im Nachhinein muss den Journalisten das Ganze zu heiß geworden sein. Es ist aber auch denkbar, dass der RTL-Reporter einfach nur seine Rolle als Extrem-Rassist vor der Kamera weiterspielte, um nicht aufzufliegen. Was wäre passiert, hätte Reichstein gesagt: »Lasst mich in Ruhe, ich bin hier auch nur Reporter«? Seine Mission wäre gescheitert. Niemand hätte mit Reichstein noch gesprochen und er wäre ohne Bilder seinem RTL-Chef Thomas Präkelt unter die Augen getreten. Vielleicht hätten ihn empörte, aber auch echte Demonstranten zur Rede gestellt. Was sich die »Lügenpresse« dabei gedacht habe.

Das Vorbild für die missratene Undercover-Aktion

Das ist der Druck, unter dem alle Journalisten leben. Nämlich das zu liefern, was eingeplant ist, auch wenn es gegen das eigene Gewissen ist. Sie müssen davon leben. Sie sind abhängig, weil andere die Linie vorgeben. Gerade durch die Ukraine-Krise und ihre Berichterstattung wird immerdeutlicher, dass selbst Institutionen wie die Tagesschau bei diesem Spiel mitmachen. Da sitzt Putin angeblich allein am Tisch, obwohl er es nicht tut. Einfach, weil der Chefredakteur der Tagesschau, Kai Gniffke, meint, dass dieser Putin doch bestimmt einsam ist und dass man das auch mal zeigen sollte. Weil es einfach besser in das vermittelte Nachrichtenbild passt.

Die Liste der Unwahrheiten füllt mittlerweile ganze Blogs und Journalisten, die besonders eifrig beim Verzerren der Wahrheit sind, werden dafür mit Preisen überhäuft. Das gilt natürlich nur so lange, wie es nicht auffliegt. Dann gibt es ein Bauernopfer, in diesem Fall Reporter Felix Reichstein.

Das Vorbild für seine missratene Undercover-Aktion ist schnell gefunden: Die ZDF-Satire-Sendungheute show schleuste einen falschen Reporter von Russia Today auf eine PEGIDA-Demonstration. Dabei wurden Menschen vorgeführt und Demonstranten mit ernstem Anliegen lächerlich gemacht.

Wenn die Realität die Satire ein- und überholt

Nun gut, es wurde danach als Satire gekennzeichnet. Doch einmal mehr hat die Realität die Satire nicht nur eingeholt, sondern sogar überholt. Felix Reichstein wurde zwar aussortiert, doch es gibt genug Journalisten, die in Zukunft ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen werden. Sie sind nur Rädchen in einem Getriebe, das weiter läuft, als wäre nichts passiert. Wann entwickelt aber die ganze Branche endlich eine Kultur, offen mit ihren Fehlern umzugehen?

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisiert dafür den Sender RTL. Der Reporter ist zwar gefeuert, aber dieAnweisung zur Undercover-Recherche kam klar vom Sender. Mit einem Lippenbekenntnis will RTL das jetzt ändern. Undercover sollen sich RTL-Reporter nur noch in enger »Absprache« mit der Chefredaktion bewegen. Dabei muss sich Reichstein auch vorher nicht mit seinem Chef beim RTL-Landesstudio Ost abgestimmt haben. Davon will man dort jetzt nichts mehr wissen und Felix Reichstein ist erst einmal untergetaucht. Für Anfragen stand er nicht zur Verfügung. Das zeigt einmal mehr, wie Journalisten mit ihren Fehlern umgehen: totschweigen.

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