BILD-Konzern testet den Erklärbären

Nach der »Massenverblödung«: BILD-Konzern testet den Erklärbären

Peter Harth 02.05.2015

Mittlerweile hat jeder dritte Berliner ausländische Wurzeln. Im hart umkämpften Zeitungsmarkt buhlt Springer deshalb massiv um Migranten als neue Zielgruppe. Diese wächst besonders schnell, bietet aber auch große Probleme: Bildungsnotstand und Desinteresse. Nicht nur die Hauptstadt gilt deshalb zunehmend als verblödet. Ist es da ein Zufall, dass der BILD-Konzern gerade jetzt das Niveau noch einmal nach unten korrigiert? Emil, der Erklärbär, soll auch die erreichen, die nichts mehr kapieren. Darf Dummheit zum Maßstab für alle werden? (Beitrag mit Video)

Opfern Sie bitte eine Minute Ihres Lebens für Springer: Der Konzern stellt seinen neuen Erklärbären vor. Mit Schrecken angesehen? Okay! Sie werden fragen: »Haben die dort den 1. April verpasst?« Nein, das meinen die wirklich ernst. So stellt sich der Medienkonzern einen Nachrichtensprecher für die wichtigsten Hauptstadt-News vor. Dabei wirkt dieser überemotionale Bär eher wie ein Folterwerkzeug zur Massenverblödung.

Emil ist auf Helium, quiekt mit einer Micky-Maus-Stimme und zappelt dabei hysterisch. Schlimmer als einst die Figuren aus der Jamba-Werbung für Klingeltöne. Vor zehn Jahren freuten sich darüber Schulhofkinder. Emil wird heute in Berlin auf das »Volk«losgelassen – oder was man bei Springer dafür hält.

Springer unterschreitet gekonnt sein niedriges Niveau

Der niedliche Kinderzimmer-Bär hat dabei einen gar nicht kindgerechten Job. Er muss ansagen, was Springers Boulevard im täglichen Angebot hat und das ist mitunter nichts für zarte Gemüter: Ein Amoklauf in der Schule, eine Schießerei unter Rockerbanden, ein brutaler Verkehrsunfall, eine Mutter, die ihr Kind aussetzt, Morde mit sogenanntem Migrationshintergrund – oder auch mal ein Eisbär, der im Berliner Zoo ertrinkt.

So weit, so geschmacklos – doch es bleiben zwei offene Fragen: Warum unterschreitet Springer hier sein schon bekannt niedriges Niveau? Und: Hält der Konzern das Publikum in Berlin eigentlich für besonders dumm?

Ein Angriff auf jede gesunde Hirnzelle

Getestet wird der 3D-Bär zuerst bei der B.Z. – sie war einst das größte Boulevardblatt Berlins, heute ist sie nur noch ein ausgeschlachteter Zeitungs-Zombie ohne Mannschaft. Die Inhalte kommen längst von den Berliner BILD-Journalisten. Also von der Zeitung, an die viele sofort denken, wenn von Massenverdummung die Rede ist. Ja, BILD-Journalismus funktioniert; aber nur, weil ihn auch der Dümmste versteht. Gut für den Dümmsten, Pech für alle anderen.

Doch wie kam es zu diesem geschmacklosen Erklärbären, der jeder gesunden Hirnzelle den Krieg erklärt? Die Antwort steht nicht in den Boulevardblättern wie B.Z. und BILD. Man muss zur Welt schauen, die einzige bedeutende Qualitätszeitung des Konzerns.

Dort wird die Springer-Linie noch nicht in primitive Schlagwörter zerstückelt. Im Gegenteil: Man kann ablesen, wie der Konzern in der oberen Etage tickt, wie ein ganzes »WeltBILD« zementiert wird.

Brennpunkt Berlin: Springer buhlt um die Ahnungslosen

Man kann es deshalb ablesen, weil hier die wirklich einflussreichen Journalisten unter der Federführung von Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters sitzen. Aus der »Blauen Gruppe«, so der interne Name, kommen viele Strategien, wie der Medienkonzern seine journalistischen Inhalte optimal unter das »Volk« bringen will.

Auch bei dieser Qualitätszeitung glauben die Journalisten das, was sie selbst verbreiten. Nicht ohne Schadenfreude und Zynismus stellt die Welt deshalb eine »Massenverblödung« in Deutschland fest. Vom Springer-Hochhaus an der Rudi-Dutschke-Straße aus gesehen, ist ganz Deutschland »doof und ungebildet« – besonders jedoch Berlin. Überfüllt mit »Migrantenkindern« in den sozialen Brennpunkten Neukölln, Wedding und Moabit. 40 Prozent haben dort keinen Schulabschluss, sprechen nur das »grammatikfreie Migranten-Kiezdeutsch«, wissen nichts über deutsche Zeitgeschichte und wollen daran auch nichts ändern.

BILD und die Türken – eine »Süper«-Freundschaft

Trotzdem oder gerade deswegen entdeckt der Konzern Migranten gerade als neue Zielgruppe. Besonders die Deutsch-Türken, die in einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die mit Abstand am schlechtesten integrierte Zuwanderergruppe sind. Im Gegensatz zu den Deutschen, die immer mehr überaltern, ist diese Zielgruppe aber jung und wächst schneller. Was macht es schon aus, dass viele ohne Schulabschluss sind? Springer bietet eine Zeitung, die viele Bilder hat und auch so heißt.

Beim Erobern der Zielgruppe kennt der Konzern keine falsche Scham. Die BILD wird immer mehr zum »Süper«-Freund. Auf Türkisch gibt es nicht nur Schlagzeilen, sondern auch das Online-Angebot – und immer öfter dient BILD der türkischen Boulevardzeitung Hürriyet als deutsches Sprachrohr. Auch der »berühmteste Journalist« vom Bosporus kommt ins Blatt: Ertugrul Özkök schreibt für die BILD online sogar auf Türkisch.

»Mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird«

Der Springer-Konzern konnte sogar der links-alternativen tazden deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yükcel ausspannen. Yükcel gilt als Borderline-Journalist, der Thilo Sarrazin eine Gesichtslähmung an den Hals wünschte und ihn »eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur« nannte. Sarrazins These von einem Deutschland, das sich abschafft, drehte er um und schrieb vom »Raum ohne Volk«: »Denn mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird«. Passend dazu entdeckt die BILD beim »Volk« später auch einen neuen Trend: »Deutschland lernt Türkisch!«.

Dieser Anbiederungs-Kurs ist ökonomisch nicht unklug. Eine verkaufte Zeitung ist eine verkaufte Zeitung. Weil man bei Springer die Migranten aber als extrem unwissend einstuft, erleben auch alle anderen Leser ihr Bildungs-Waterloo.

Das Boulevard-Maß aller Dinge: Migrantenkinder lösen den Bauarbeiter ab

»Bald jeder dritte Berliner hat einen Migrationshintergrund«, schreibt das Springer-Blatt Berliner Morgenpost. Unter den jungen Berlinern ist der Anteil sogar noch einmal höher. Auf dieses bunte Berlin ist der dümmlich-hysterische Erklärbär eine passende Antwort, meint Springer. Ein Rettungsring im seichten Meer der Unwissenden. Zwar schrumpft mit Emil noch einmal die Niveauhürde, obwohl sie bei Springer ohnehin schon gefährlich niedrig ist. Andererseits schrumpfen auch die Auflagen – besonders die vom Flaggschiff BILD. Dort hat man nicht mehr viel zu verlieren.

Deshalb hat bei Springer der Bauarbeiter als Boulevard-Maß aller Dinge ausgedient. An seine Stelle tritt der Migranten-Nachwuchs aus Neukölln, Wedding und Moabit. Dieser neue kleinste gemeinsame Nenner heißt maximale Anspruchslosigkeit. Das bringt aber jeden in ein Dilemma, der nicht ganz ahnungslos ist: Anpassen oder innere Emigration. Keine schwierige Entscheidung, wenn man weiß, wo hier das wahre Problem liegt. Nicht beim Leser, sondern bei denen, die einen Erklärbären wie Emil in die Welt setzen.

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