Medienkritiker wird als Verschwörungstheoretiker diffamiert

Hexenjagd: Medienkritiker wird als Verschwörungstheoretiker diffamiert

Markus Mähler 29.10.2015

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser enthüllte 2005 »Gladio«, das geheime Terror-Netzwerk der NATO. Seitdem wird er dafür systematisch diffamiert. Ganser will heute einen medienkritischen Vortrag an der Uni Witten/Herdecke halten: »Fakten, Meinungen, Propaganda – Wie mache ich mir selbst ein Bild?« Das eskaliert zum Spießrutenlauf. Grüne, SPD und Piratenpartei trommeln mit einem offenen Brandbrief dagegen, Medien machen Stimmung und das Publikum soll zu Hause bleiben. Im beschaulichen Witten hat man Angst, dass sich die Bürger sonst mit dem »Lügenpresse«-Virus der PEGIDA infizieren. 

Was für eine Hexenjagd: »Wittener Politik nimmt Uni wegen Gastredner in die Mangel«, titelt dieWAZ. Darunter ein Bild mit schwerbewaffneten Polizisten, die den Saalbau der Uni Witten/Herdecke bewachen, nebenbei werden die Worte »Verschwörungstheoretiker« und»Rechtspopulisten« eingestreut.

So etwas passiert nicht zufällig, das ist gezielte Stimmungsmache. Ein »Anti-Ganser-Bündnis«wetzt in der nordrhein-westfälischen Stadt bereits mit Messern und schürt den Scheiterhaufen. Hier hat sich aber weder PEGIDA noch die AfD angekündigt. Es geht um einen Wissenschaftler, der nur reden will.

Scheiterhaufen für Ganser: Der Mann will doch nur reden

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hält heute einen öffentlichen Vortrag an der Wittener Uni: »Wer kontrolliert die vierte Gewalt? Fakten, Meinungen, Propaganda – Wie mache ich mir selbst ein Bild?« Besucher der Veranstaltung lernen, wie sie im Internet zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Doch den Gegnern geht es schon lange nicht mehr um Inhalte. Allein der Name Ganser genügte, schon ging das Visier bei der besorgten Wittener Politbasis runter. Links-grüne Parteien haben zur hysterischen Hexenjagd geblasen. Die städtische SPD, die Jusos, die Grüne Jugend, das Antifabündnis und auch die Piratenpartei NRW fordern Wittens Uni in einem offenen Brief auf, den »Verschwörungsideologen« Ganser auszuladen »und sich von ihm und seinen Thesen zu distanzieren«.

Wittens Bürger könnten sich mit dem »Lügenpresse«-Virus infizieren

Natürlich darf der Totschlaghammer nicht fehlen: Tut die Uni das nicht, schafft sie »einen Nährboden für ähnlich weltfremde Äußerungen wie die PEGIDA-Bewegung«. Ganser könnte mit seinem medienkritischen Vortrag zu viel Kritisches über die Medien verraten. Am Ende werden Wittens Bürger noch mit dem ansteckenden »Lügenpresse«-Virus infiziert!

Der grassiert bereits lautstark bei PEGIDA-Demos, in Witten soll es aber weiter ruhig bleiben. Solche dummdreisten Behauptungen sind – mit Verlaub – nichts weiter als ein Paradebeispiel für Hetze.

Lokale Medien spielen bei der plumpen Panikmache mit. DieWAZ reduziert Ganser auf einen Satz: Der Mann, »der bereits bei Diskussionsveranstaltungen von Rechtspopulisten sprach«. Hier entbrennt eine Schlammschlacht.

Auf der einen Seite die besorgte Politik und noch viel besorgtere Medien. Auf der anderen Seite eine Uni, in der man sich die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht verbieten lassen will. Der Ketzerstreit erinnert an die mittelalterliche Inquisition, wobei das Anti-Ganser-Bündnis bereits Züge von weltfremden Glaubenskriegern à la Taliban trägt.

Witten definiert Meinungsfreiheit nach Taliban-Standards

Die Einladung für Ganser kam vom Dekan der Fakultät für Kulturreflexion, Professor Dirk Baecker, und von David Hornemann von Laer. Beide stellen sich gegen das Anti-Ganser-Bündnis und schreiben im Antwortbrief der Uni Witten/Herdecke: Sie sei kein Ort des Dogmas. Hier würde man sich auch mit abweichenden Meinungen lebendig auseinandersetzen. Es gebe keine wissenschaftlichen Entdeckungen, wenn Wissenschaftler nicht auch Erklärungslücken oder Fehler in der herrschenden Meinung untersuchen dürften.

Wittens Bürger bekommen das aber bestenfalls am Rande mit und sagen: Hoppla, jetzt kommt ein irrer Brandstifter zu uns. Damit hat das Anti-Ganser-Bündnis sein Zensur-Ziel schon erreicht und Gansers Vortrag wird zur Realsatire: Der Wissenschaftler fordert die Menschen auf, sich selbst ein Bild zu machen. Medien und Politik schüren aber lieber Ängste und zwingen die Menschen, gerade das nicht zu tun. Nach dem Motto: Vertraut uns mal, wir haben für euch vorgedacht.

Dogmen in Witten – wie im afghanischen Bergdorf?

Wer ist aber der »Verschwörungsideologe« wirklich? Daniele Ganser lieferte 2005 in seiner Doktorarbeit das Standardwerk zu den Geheimarmeen der NATO: Das so genannte »Gladio«-Netzwerk war eine Ansammlung von Guerillakommandos, die während des Kalten Krieges Anschläge gegen die eigene Bevölkerung in Westeuropa verübten.

Dieser Terror wurde dann linken, kommunistischen Bewegungen in die Schuhe geschoben, um damit Stimmung zu machen. All das ist eine historische Realität, keine Verschwörungstheorie.

Ganser kommt als Terrorismusexperte nicht nur bei alternativen Formaten wie den Nachdenkseiten oder demCompact-Magazin zu Wort. Er war auch über 250 Mal Gast bei den so genannten Mainstream-Medien, darunter Neue Zürcher Zeitung, Le Monde diplomatique, Standard, Basler Zeitung und das Handelsblatt.

Im September 2011 diskutierte er mit dem ehemaligen Chefredakteur des Spiegel, Stefan Aust, und dem Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, zum Thema »Zehn Jahre 9/11 – Wie vernetzt sind Angst und Terror?«

Wenn das Anti-Ganser-Bündnis all diese Medien auch als »Verschwörungstheoretiker« aussperren will, können Wittens Bürger gleich in ein afghanisches Bergdorf der Taliban umziehen. Dort wird die Meinungsfreiheit ähnlich dogmatisch kaserniert.

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